3. Juli bis 8. August 2020

HAMLET von William Shakespeare

Regisseur Holger Mahlich über Hamlet

HAMLET ist ein Stück, das einen Epochenübergang reflektiert. Etwas Altes verschwindet, etwas Neues ist noch nicht etabliert, aber man spürt es. Und wie immer, wenn sich etwas Neues ankündigt, stellen sich entscheidende Fragen, treten massive Ängste auf und Verunsicherungen. In der Hamlet-Figur ist dieses Problem manifest. Hamlets Vater ist ermordet worden und fordert vom Sohn ihn zu rächen. In der Welt des Vaters ist das selbstverständlich und Hamlet schwört auch sofort diese Rache zu vollziehen. Da sprechen Erziehung, Tradition, seine Gefühle, sein »Blut« eine klare Sprache. Allerdings kommt Hamlet aus ‚Wittenberg’. Mit Wittenberg verbindet sich etwas fundamental Neues – der Protestantismus. Eine neue religiöse Vorstellung von der göttlichen Gnade. Eine große Gärung greift um sich. Hamlets geistige Welt ist gekennzeichnet vom Humanismus, der Renaissance und der Abwendung vom Katholizismus. Er liest, ist musisch und seine Leidenschaft ist das Denken. Von der kriegerischen Welt des Vaters hat er sich schon weit entfernt.

So kämpft in ihm der Auftrag des Alten (sein Gefühl) mit den Idealen des Neuen (er hinterfragt alles, zweifelt). Er kann nicht töten/rächen. Dem Einfachen, Überkommenen, Schwarz-Weißen ist er geistig entwachsen. Aber es ist in ihm rudimentär noch vorhanden. Ich sehe in Hamlet Europa. Alles was an Europa gut, schön, wahr, lebens- und liebenswert war und ist. Und ich sehe dieses Europa vielfältig bedroht. Um uns herum und auch innerhalb Europas wächst etwas Neues (das auf Altes rekurriert) das an unseren Grundfesten rüttelt. Die neuen autoritären Tendenzen und deren zunehmende Anziehungskraft (Putin, Trump, China, religiöser Fundamentalismus und im Inneren Orban, Kaczynski, AFD, Salvini; Le Pen usw.) stehen gegen alles, wofür Europa steht. Das Zaudern Hamlets, das in seinem Denken begründet liegt, spiegelt sich in Europas Vorsicht, immer die Folgen mitbedenkend, den Ausgleich suchend, unserer Kompromissbereitschaft und der inneren Distanz zum Militärischen, zum brutalen Durchsetzen einfacher Lösungen. Ob unsere Welt die bleibt, die wir kennen? Ich bezweifle es. Hamlet scheitert- Europa/wir auch?

Regie: Holger Mahlich Bühne: Falk von Wangelin

HAMLET: wer kennt ihn nicht? Google findet in wenigen Sekunden über 56 Millionen Einträge zu Hamlet. 56 Millionen Perspektiven.

Hamlet entzieht sich jeder Eindeutigkeit, er ist ein Spiegel, egal von wo und wann man schaut.

Hamlet passt in jede Zeit, deshalb wird er seit Jahrhunderten gespielt. Immer wird es Menschen geben, die zumindest Teilaspekte ihrer Existenz in Hamlet wieder finden.

Hamlet wurde zum meist gespielten Drama der Weltliteratur.

HAMLET ist (auch) ein Thriller:
Politischer Mord, Rache, Staatsstreich, Inzest, Bespitzelungen, geheime Mordaufträge, Wahnsinn – gespielter wie echter – kulminierend in einem blutigen SHOWDOWN!

Den Zuschauer erwartet 2020 ein ungemein spannender und unterhaltsamer Abend in der St.-Georgen-Kirche Wismar.